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Eine ‚Neuerscheinung‘ der „Freien Presse“


 Auf die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 reagierte die „Freie Presse“ mit einem Angriff auf dessen „Klassenkampfkabinett“.Die sogenannte „Machtergreifung“ Adolf Hitlers am 30. Jan. 1933 markiert den Beginn der NS-Diktatur als dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Die sozialdemokratische Zeitung „Freie Presse“ hat gegen die damals erfolgte Ernennung Hitlers zum Reichskanzler leidenschaftlich agitiert. Ihren Sitz hatte das Organ für die Oberämter Reutlingen, Tübingen, Rottenburg und Münsingen in Reutlingen. Seinen Mantelteil übernahm es von der in Stuttgart erscheinenden „Schwäbischen Tagwacht“.

In der Ausgabe der „Freien Presse“ vom 31. Jan. 1933 wurde die „reaktionäre“ Ausrichtung des neu einberufenen „Klassenkampfkabinetts“ gegeißelt. Die Ernennung Hitlers durch Reichspräsident von Hindenburg hatte dessen Bildung ermöglicht. Der unbedingte Wille zur Macht von Hitler selbst („Gefangener der Reaktion“) und der von ihm geführten NSDAP ist in der „Freien Presse“ offensichtlich unterschätzt worden. Die damalige Berichterstattung war auf jeden Fall ein kämpferisches Eintreten für die freiheitlich-demokratische Verfassung der Weimarer Republik. Dieser versetzte Hitler bald darauf mit einem durch „Ermächtigungsgesetz“ und Gleichschaltungsmaßnahmen legitimierten staatlichen Terror den Todesstoß. Der konsequenten Aufhebung der Meinungsfreiheit fiel auch die „Freie Presse“ zum Opfer.

Verlagssitz war seit 1928 das Gebäude Stadtmauerstraße 20 gewesen, das nach 1945 auch als „Tübinger Tor“-Gaststätte firmierte. Bei der Beschlagnahmung der „Freien Presse“ 1933 durch die Nationalsozialisten wurde das Zeitungsarchiv offensichtlich vernichtet. Heute existiert nur noch eine fragmentarische Überlieferung. So befindet sich eine geschlossen erhaltene Serie von Ende September 1911 bis zum Jahresende 1913 in der Württembergischen Landesbibliothek.

Das Stadtarchiv Reutlingen wiederum verwahrt in verschiedenen Beständen rund 100 Einzelausgaben der „Freien Presse“ aus dem Zeitraum zwischen 1912 und 1933. Den größten Teil dieser Überlieferung enthält der private Nachlassbestand des SPD-Politikers und langjährigen Nachkriegs-Oberbürgermeisters Oskar Kalbfell (1897–1979). Insbesondere die Zeitungssammlung des Stadtarchivs bietet weitere Ausgaben, die größtenteils vollständig erhalten sind.

Um eine komfortablere Nutzung der auf verschiedene Bestände verteilten Überlieferung der „Freien Presse“ zu ermöglichen, wurden die einzelnen Ausgaben zunächst eingescannt. Sodann erfolgte im Datenbankprogramm des Stadtarchivs eine beständeübergreifende Zusammenführung von Titelaufnahmen und Abbildungen der jeweiligen Tagesausgaben im neugebildeten Bestand „Z 4 Freie Presse“.
Diese virtuelle Dokumentation ist nunmehr über den Internetauftritt des Stadtarchivs abrufbar (http://www.stadtarchiv-reutlingen.findbuch.net/php/main.php?ar_id=3755#5a20202034).

Als Online-Ressource soll sie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und einen erleichterten Zugang zu einer wichtigen publizistischen Quelle deutscher Geschichte und nicht zuletzt der Reutlinger Stadthistorie zwischen 1912 und 1933 ermöglichen.