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'Unser lieben Frowen'-Orte an Wiesaz und Echaz


Ortsansicht Bronnweilers auf einer um 1930 entstandenen Postkarte. „Brunwiler“, „Braunweilen“, „Bronweilen“: All diese Namen aus verschiedenen historischen Quellen des 11. bis 17. Jahrhunderts beziehen sich auf ein- und dieselbe Lokalität. In einer Ortsdarstellung von 1824 wird sie als „evangelisches Pfarrdorf in einem stillen Thälchen an der Wiesaz“ beschrieben. Die Rede ist von Bronnweiler.

Die Reutlinger Bezirksgemeinde begeht 2015 ihre 900-Jahr-Feier. Grundlage ist die Nennung im sogenannten „Codex Hirsaugiensis“. Dieser mittelalterliche Band zählt die zahlreichen Schenkungen auf, die das Reformkloster Hirsau im Nagoldtal erhalten hatte. Als ein Zentrum geistlicher Reformen war es an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert zu überragender Bedeutung gelangt. Zum weitgestreuten Klosterbesitz zählten auch Grundstücke in Bronnweiler.

Die schriftlichen Ersterwähnungen im Codex Hirsaugiensis sind derzeit für viele Gemeinden Anlass, eine rund 900-jährige schriftliche Tradition der Ortsgeschichte zu feiern. Dies geschieht auch im Wiesaztal. Eine Facette des vielseitigen Jubiläumsprogramms ist eine Wandvitrinenausstellung des Stadtarchivs mit ausgewählten Exponaten aus dessen Beständen.

Bemerkenswert ist etwa die Stiftung eines Gedächtnistages in „unser lieben frowen buwe“, das heißt für das Gebäude der Bronnweiler „Frauen-“ bzw. Marienkirche durch ein vermögendes adliges Ehepaar 1432. Dass für deren Seelenheil gerade an der Wiesaz gebetet werden sollte, steht im Zusammenhang mit der 1415 begonnenen prächtigen Chorerweiterung der dortigen Kirche. Die besiegelte Pergamenturkunde wurde in der Forschung auch schon als Beleg gewertet, dass das Gotteshaus in vorreformatorischer Zeit eine Wallfahrtskirche gewesen war.

Spätestens ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts übte die Reichsstadt Reutlingen als Grund-, Kirchen- und Gerichtsherr die Ortsherrschaft über Bronnweiler aus. Seinen Niederschlag fand dies nicht zuletzt in „Vogtgerichten“. Gezeigt wird in der Ausstellung das Protokoll einer solchen Ortsvisitation von 1720. Bemängelt wurden damals unter anderem, die „ohnnöthigen Zechen“, die es offensichtlich auf Gemeindekosten gegeben hatte. Größter frühneuzeitlicher Grundherr war im Übrigen die anfänglich als „Unsere Frowen“-Pflegschaft bezeichnete Heiligenpflege in Reutlingen.

Zu sehen ist auch eine Genehmigungsurkunde der „Königlichen Regierung des Schwarzwaldkreises“ von 1873: Diese erteilte damals die Erlaubnis zur Errichtung einer mechanischen Weberei sowie „zum Betrieb derselben ein Wasserwerk mit Stauanlage herzustellen.“ Das von 1882 bis 1938 ausschließlich durch die jüdische Familie Bernheim geleitete Unternehmen ließ auch Bronnweiler an der Industrialisierung der Region teilhaben.

23 Orte sind in der „Beschreibung des Oberamts Reutlingen“ aus dem Jahr 1824 kurz dargestellt. Auch Bronnweiler zählte zu dieser Verwaltungseinheit In der Zeit des Königreichs Württemberg ab 1806 war der Ort Teil des Oberamts Reutlingen. Als man an der Schwelle zum 20. Jahrhundert unter anderem den Eisenbahnanschluss Bronnweilers vorantreiben wollte, wurde 1898 in einer entsprechenden Eingabe des Reutlinger Handelsvereins darauf verwiesen, dass auch diese Gemeinde zum „natürlichen Hinterland der Stadt Reutlingen“ zähle.

Im Januar 1971 wurde vor dem Hintergrund der Verwaltungsreform in Baden-Württemberg auch der Eingemeindungsvertrag zwischen der entstehenden Großstadt Reutlingen und Bronnweiler in der dortigen Turnhalle durch Oskar Kalbfell und Erich Miller feierlich unterzeichnet. Die enge Beziehung zwischen Achalmstadt und Wiesazgemeinde hatte schon der Chronist Fizion zu Beginn des 17. Jahrhunderts betont: Bronnweiler sei einer „der Statt Reuttlingen zuo gehörigen Fleckhen uff dem Landt“. 

Die genannten Archivalien wie die Pergamenturkunde von 1432, das Protokoll des Vogtgerichts von 1720, die stattliche Betriebserlaubnis von 1873, der Eingemeindungsvertrag von 1970/71 sowie weitere ausgewählte Dokumente können derzeit vor den Diensträumen des Stadtarchivs während der Öffnungszeiten der Rathaus-Eingangshalle besichtigt werden. Die kleine Archivalienschau wird bis Ende Oktober gezeigt.
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