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100 Jahre Emilienkrippe


In einer Stadt, die so stark durch die Textilindustrie geprägt war wie Reutlingen, gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Vielen jungen Frauen bot die Arbeit als Näherin eine Möglichkeit zu einem eigenen Einkommen. Insbesondere für die alleinerziehenden Mütter war die Arbeit eine existenzielle Notwendigkeit. In dieser Situation stellte sich die Frage nach einer umfassenden Kinderbetreuung zur Entlastung berufstätiger Mütter. Das Textilunternehmen Gminder erkannte früh das Potential des weiblichen Arbeitskräftereservoirs und eröffnete 1914 einen eigenen Betriebshort für die Kinder der Mitarbeiterinnen. Im selben Jahr wurde in der Mauerstraße 46 eine Kinderkrippe eingeweiht, die allen Reutlinger Frauen offenstehen sollte und noch heute existiert: die Emilienkrippe.

Porträt der Stifterin Hedwig Emilie Laiblin, geb. Fleischhauer (1849 – 1920)   StadtA Rt., S 100 Nr. 11.725/12  Den Namen trägt sie zu Ehren der Stifterin Emilie Laiblin, der Ehefrau des Kommerzienrates Karl Laiblin, eines Nachkommens der erfolgreichen Pfullinger Papierfabrikanten. Das selbst kinderlos gebliebene Paar legte am 2. März 1913 in einer Stiftungsurkunde fest, dass sie eine Kinderkrippe für den Mindestwert von 35.000 Mark auf einem von der Stadt bereitgestellten Grundstück errichten werden. Der eingerichtete Neubau würde anschließend dem Frauenverein zur Betreuung von bis zu 30 Kleinkindern überlassen werden. Nach Verhandlungen mit der Weingärtnergenossenschaft wählte die Stadt mit Zustimmung der Laiblins das zentral gelegene Grundstück der alten Stadtkelter für das neue Gebäude aus. Die Kelter wurde auf Kosten der Stadt abgerissen und das Grundstück dem Frauenverein übereignet.

Betraut mit dem Auftrag eine Krippe zu errichten, die eine „besonders sorgfältige & den modernen Anforderungen entsprechende Ausgestaltung“ erhalten sollte, erarbeitete der Stuttgarter Architekt Böklen die Baupläne für das 2-stöckige Gebäude. Am 29. Juni 1914 feierten die Stifter zusammen mit zahlreichen Gästen die Einweihung der letztlich mehr als 54.000 Mark teuren Emilienkrippe. Das Interesse an der neuen Einrichtung war groß und ebenso der Zustrom der erwerbstätigen Mütter. Doch trotz hoher Belegung konnte der Frauenverein die laufenden Kosten zu keinem Zeitpunkt aus den niedrigen Pflegegeldern decken. Nach dem Tod der stets spendenbereiten Emilie Laiblin 1920 musste die Stadt zunehmend die Finanzierung der Krippe sichern. Im Jahr 1938 veranlassten die hohen Zuschüsse die Stadt, die Verwaltung allein zu übernehmen. Der Frauenverein blieb noch bis zu seiner Auflösung 1942 Eigentümer von Grundstück und Ausstattung. Das Restvermögen ging zur Finanzierung besonderer Belange des Kindertagheimes an die Stadt über.
In dieser Form blieb die Emilienkrippe die nächsten knapp 35 Jahre bestehen. 1976 stellte der Gemeinderat nach einem Bericht über die Wirtschaftlichkeit der städtischen Kindertagheime fest, dass das Verhältnis von Betreuungsplätzen zu Kosten zu hoch sei, und schloss die traditionsreiche Einrichtung. Das Gebäude blieb erhalten und beherbergte Musikschüler sowie Besucher der volkshochschuleigenen Übungsfirma „Techma“.
Fast zwanzig Jahre später führten die veränderten gesellschaftlichen und politischen Anforderungen zu zusätzlichem Bedarf an Betreuungsplätzen. Nach einem 1,2 Millionen Mark teuren Umbau konnte das Gebäude an die neuen Bedürfnisse angepasst und mit 45 Kindertagesplätzen im November 1995 wiedereröffnet werden.
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