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Wilhelmstraße 64 – Ein „Geburtshaus“ wächst über sich hinaus


1911 erwarb Wilhelm Fauché das Geburtshaus von Friedrich List. Diese Erweiterungserwerbung ermöglichte eine neue Namensgebung für sein bisheriges Geschäftsaus in der Wilhelmstraße.  Im Adressbuch von 1913/14 findet sich eine erste „Listhaus“-Annonce.Mit der Neunummerierung Reutlinger Gebäude 1888 erhielt es die Bezeichnung Wilhelmstraße 64. Zusammen mit der Haushälfte Wilhelmstraße 66 war es nach dem Stadtbrand 1726 unter einem Giebeldach errichtet worden. Der Vater von Friedrich List, der umgangssprachlich als der „dicke List“ bekannte Weißgerber Johannes List (1746–1813), erwarb es gleichsam in Etappen 1776 und 1797 von Mutter und Großmutter.

Vor dem Hintergrund der sich nach Lists Tod 1846 hinziehenden Planungen für das schließlich 1863 eingeweihte Reutlinger List-Denkmal beim Bahnhof erfolgte mit der Kennzeichnung des Geburtshauses 1857 eine erste Würdigung seiner Person im Reutlinger Stadtbild. Die Stadt beauftragte den Bildhauer Ernst Machold (1814–1879) mit der Anfertigung einer steinernen Gedenktafel, die im August 1857 angebracht wurde und später verloren ging. 

Durch die Expansion des „Haushaltungsmagazins“ von Flaschner Wilhelm Fauché (1880–1963), dessen Vater 1886 Eigentümer des Gebäudes Wilhelmstraße 68 geworden war, wurde der Begriff „Listhaus“ zwischen 1911 und den 1970er Jahren schließlich für einen stattlichen Gebäudekomplex zwischen Wilhelm- und Kanzleistraße namensgebend. 1909 erwarb Fauché die Nachbargebäude Nr. 66 sowie im Jahr 1911 Lists Geburtshaus.

Fassadenansicht der Haushälften Wilhelmstraße 66 und 64 aus einer Bauakte von 1880. Im ersten Stock ist rechts die Friedrich-List-Gedenktafel von 1857 zu erkennen.Diese Gebäudegruppe fasste er zum „Listhaus“ zusammen, in dem neben „Haus- und Küchengeräten“ unter anderem „Kristall“ und „Luxuswaren“ angeboten wurden. Die Flaschnerei gab Fauché 1912 auf. Das „Listhaus“ wurde zunächst 1919 bis auf die Begerstraße und in den 1950er Jahren unter der Leitung von Fauchés Schwiegersohn Wilhelm Panne (1903–1984) bis zur Kanzleistraße vergrößert. Weitere Erwerbungen folgten. Ein grundlegender Um- und Neubau fand 1976 und 1977 statt.

Im Gebäudebuch von 1893 ist die Grundfläche des Geburtshauses von Friedrich List noch mit 74 Quadratmetern angegeben. Als 2001 die Buchhandlung Osiander das „Listhaus“ vollständig anmietete, wurde dessen Gesamtverkaufsfläche mit rund 3000 Quadratmetern beziffert. In der Achalmstadt wandelte sich eine historische Adresse im Herzen der Reutlinger Altstadt so zu einer ebenso populären wie kommerziellen Teilquartierbezeichnung.

Es ist anzunehmen, dass sich Friedrich List, der leidenschaftliche Propagandist einer florierenden „Nationalökonomie“, auch über eine solch lokale Metamorphose gefreut hätte. Die kleine Archivalienschau vor den Diensträumen des Stadtarchivs im Rathaus-Erdgeschoss kann bis Ende Juli zu den Öffnungszeiten der Rathaus-Eingangshalle besichtigt werden.

(Verfasser: Gerald Kronberger)