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Tag der Archive 2014: Frauen - von der "Eheliebstin" zur Wählerin


Kundgebung am 1. Mai 1952 Die rund fünf  Regalkilometer umfassenden Bestände des Stadtarchivs beherbergen einen facettenreichen Quellenfundus zum weitgespannten Thema Frauengeschichte. Bereits in den ältesten Urkunden ab 1298 machen Frauen von sich reden, beispielsweise 1309 als Mitstifterin eines Altars an "unserer Frauen Kapelle", wie die Marienkirche - quasi die "Notre Dame" von Reutlingen -  bis in die Neuzeit hinein bezeichnet wurde.

Aufschluss über die Vermögenslage von Frauen geben die bis 1899 im Todesfall erstellten "Realteilungen". Hier ist unter anderem das immense Vermögen von 125 000 Gulden der 1851 verstorbenen "reichsten Frau von Reutlingen", der Witwe Stech, festgehalten - ein Sonderfall in einer vornehmlich patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Zahlreiche "Unterstützungsakten" der Reutlinger Armenpflege aus der Zeit der Industrialisierung  belegen die Notlagen von Fabrikarbeiterinnen, die als ledige Frauen ein Kind zur Welt gebracht hatten oder erkrankten.

Annoncen der Reutlinger Parteien in den hiesigen Amtsblättern zu den Gemeinderatswahlen 1919 verdeutlichen, wie der neue Wählerkreis der Frauen in großen Lettern als "Bürgerinnen" und "Wählerinnen" gezielt angesprochen wurde. Tatsächlich sollte damals den SPD-Kandidatinnen Laura Schradin und Elisabeth Zundel der Sprung in das 30-köpfige Ratsgremium gelingen, das bis dahin eine reine Männerbastion gewesen war.

Bei Magazinführungen am Tag der Archive wird die Bandbreite der kommunalarchivischen Überlieferung sowohl im Allgemeinen vorgestellt (10, 11, 12, 13 und 14 Uhr) als auch das Augenmerk speziell auf entsprechende Motive der umfangreichen Fotosammlungen gerichtet (10.30, 11.30 und 13.30 Uhr). Weitere Präsentationen befassen sich unter anderem mit den 78 Schaffnerinnen der Reutlinger Straßenbahn, ohne die zwischen 1940 und 1949 der Betrieb zum Erliegen gekommen wäre.

Im "Archiv-Kino" ist vor dem Hintergrund des 225. Geburtstags Friedrich Lists in diesem Jahr eine Kurzfassung des Spielfilms "Der unendliche Weg" von 1942 zu sehen. Sie vermittelt einen Eindruck des tragischen Lebenswegs von Reutlingens "großem Sohn". Auch gezeigt wird die Dokumentation des Reutlinger Film-Clubs zum 2013 verfüllten Frankonenstollen, der zum Kriegsende 1945 von Zwangsarbeitern angelegt worden war.

Das komplette Programm des Tages ist beim Stadtarchiv erhältlich.

Sprachgebrauch im Wandel: Die Bezeichnung "Frau Eheliebstin" für die Ehefrau, hier ein Amtsbucheintrag von 1778, ist antiquiert. StadtA Rt., Heiligenpflege H 18, S. 266