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Wandvitrinenausstellung zur Gründung des Reutlinger Arbeiterbildungsvereins


Die zwei verschlungenen Hände im Stempel des Arbeiterbildungsvereins symbolisieren den „Bruderbund“ der Arbeiter – das Motiv geht auf die 1848 gegründete Organisation „Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung“ zurück.Arbeiterbildungsvereine stellten bis zur Entstehung von Parteien die vorherrschende Organisationsform der deutschen Arbeiterbewegung dar. Sie spielten zudem bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle als lokale Volksbildungseinrichtungen. Anlässlich der Gründung des Arbeiterbildungsvereins Reutlingen, einem Vorläufer des Reutlinger Naturtheaters, beschäftigt sich eine kleine Vitrinenausstellung des Stadtarchivs mit der Geschichte dieser 1863 entstandenen Vereinigung.

Bereits im Zuge der Revolution von 1848/49 hatte sich ein Reutlinger Arbeiterverein gebildet, der sich im Winter 1849/50 wieder auflöste. Den Repressionen der nachrevolutionären Zeit folgte Ende der 1850er Jahre deutschlandweit eine neue Ära liberalerer Politik. Mit dem Ende der sogenannten Reaktionszeit kam es zur Neugründung von Gewerkschaften und Arbeitervereinen. Wie in zahlreichen anderen württembergischen Städten konstituierte sich auch in Reutlingen ein Arbeiterbildungsverein, der am 10. Juli 1863 gegründet wurde. Zwar erfolgte die Vereinsgründung ohne unmittelbare Anknüpfung an organisatorische oder personelle Traditionen des ehemaligen Arbeitervereins, der Arbeiterbildungsverein übernahm jedoch in den ersten Jahren seines Bestehens beispielsweise dessen Fahne mit dem Emblem der zwei verschlungenen Hände als Symbol für die Arbeiterverbrüderung.

Geprägt waren die ab den 1860er Jahren entstehenden und im Vergleich zur 1848er Arbeiterbewegung generell weitaus gemäßigter agierenden Vereine vor allem von sozialharmonischen Ideen etwa Hermann Schulze-Delitzschs, einer der Gründerväter des deutschen Genossenschaftswesens. Die Vereine stellten die wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterschaft, die im Wesentlichen Industrie- und Landarbeiter sowie Handwerksgesellen umfasste, in den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen.

Dementsprechend war das Ziel des Arbeiterbildungsvereins Reutlingen neben der  „Veredelung des mehrstimmigen Gesangs gesellschaftlicher Lieder“ zunächst die Unterstützung kranker Mitglieder und die Auszahlung von Reisegeld bei Wanderschaft. Zur Realisierung dieser Vorhaben rief der Arbeiterbildungsverein noch im Gründungsjahr 1863 eine Sparkasse ins Leben, 1865 folgte eine Krankenkasse. Zum Vereinsprogramm gehörten ebenfalls Bildungsvorträge und Unterrichtsangebote beispielsweise in Rechtschreibung oder Buchführung in Verbindung mit der Reutlinger Fortbildungsschule. Der Verein richtete 1865 zudem eine Bibliothek mit politischer und unterhaltender Literatur ein. Ab 1886 fand diese Bibliothek für mehr als 25 Jahre eine dauerhafte Bleibe im Gasthaus „Zur Eintracht“ Ecke Lindach-/Georgenstraße, dem langjährigen Vereinslokal des Arbeiterbildungsvereins.

Am 3. März 1919 hatten sich der Arbeiterbildungsverein und der Gesangverein Frohsinn zum Arbeiterbildungsverein Frohsinn vereinigt. Für 10-jährige Mitgliedschaft wurde dem Sänger Fritz Baur 1923 diese Urkunde verliehen.Auch der politisch zur 1864 konstituierten württembergischen demokratischen „Volkspartei“ (VP) tendierende Reutlinger Arbeiterbildungsverein orientierte sich zeitweilig an der im August 1869 durch August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründeten „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP), eine von mehreren Vorläuferparteien der SPD. So hielt Bebel am 18. November 1869 im Rahmen einer Agitationsreise durch 13 württembergische Städte auf Einladung des Arbeiterbildungsvereins im Reutlinger Gasthof „Zum Bad“ einen Vortrag über die „Wichtigkeit der sozialen Bewegung der Arbeiterwelt“. Aber anders als etwa der Arbeiterbildungsverein Metzingen, der um die Jahreswende 1869/70 der SDAP beitrat und letztlich in der Sozialdemokratie aufging, gab der Reutlinger Verein seine bis etwa 1872 gepflegte Nähe zur Sozialdemokratie auf.  Bereits 1871 war der Antrag des damaligen Vereinsvorstands Carl Zirbs, einem ursprünglich aus Schlesien stammenden Weber, auf Anschluss des Arbeiterbildungsvereins Reutlingen an die SDAP mit „etlichen 20 gegen 3 Stimmen“ gescheitert. Daraufhin erklärten Zirbs und drei weitere Mitglieder ihren Austritt, weil der Verein „in seiner Mehrzahl die Wahrheit nicht hören und die Interessen der Arbeiter nicht begreifen wolle, ein bloßes Fortvegetieren als Bildungsverein aber zwecklos sei“.

Nachdem sich der Verein von der Politik gelöst hatte, wuchs er zahlenmäßig stark an – von weniger als 80 Mitgliedern im ersten Jahrzehnt seines Bestehens bis auf 250 im Jahr 1890. Chorgesang und Theaterspielen bildeten zunehmend den Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten. 1912 entstand innerhalb des Arbeiterbildungsvereins der Dramatische Klub, der mit der Aufführung von Schauspielen an die Öffentlichkeit trat und gemeinsam mit der Sängerabteilung fortan das Vereinsleben bestimmte. Im März 1919 erfolgte die Vereinigung des Arbeiterbildungsvereins mit dem – 1882 unter dem Namen Schreinerfachverein gegründeten – Gesangverein Frohsinn zum Arbeiterbildungsverein Frohsinn. Nach der Machtübernahme 1933 wurde der Arbeiterbildungsverein Frohsinn aufgelöst, der Theaterklub konnte jedoch unter dem Namen  „Reutlinger Naturtheater e. V.“ eigenständig weiterbestehen.

Die Ausstellung in den Wandvitrinen des Stadtarchivs ist bis Ende August zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen. Zeitgleich werden in den Vitrinen des Stadtarchivs u. a. Dokumente anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Hermann-Kurz-Schule sowie zu den Quellengattungen Stadtratsprotokolle und Extraktenbücher präsentiert.
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