Aktuelles

Stadtarchiv-Ausstellung zur Reutlinger Theatergeschichte
„... hoch und vil von Comoediis gehalten“


Die Freude am Historiendrama in der Zeit um 1900 fand auch in der Porträtfotografie ihren Niederschlag. Im Bereich des Laientheaters ist vor allem das Naturtheater Reutlingen zu nennen, das 1928 im Wasenwald eine eigene Freilichtbühne erhielt. Zum anderen konnte dank privater Initiative vor 50 Jahren das „Theater in der Tonne“ eröffnet werden, das ab 1963 auch eine nachhaltige Unterstützung durch die Stadt erfuhr.

„Die Tonne. Theater Reutlingen“, wie es inzwischen offiziell heißt, blickt somit im Herbst 2008 auf ein halbes Jahrhundert professionelles Schauspiel unter der Achalm zurück. Aus Anlass dieses Jubiläums hat das Stadtarchiv eine kleine Archivalienschau zusammengestellt, die schlaglichtartig belegt, wie vielseitig die Ansätze dramatischer Kunst jenseits der beiden genannten Einrichtungen seit dem 17. Jahrhundert in Reutlingen gewesen sind.

Und dies, obwohl sich in der protestantischen Reichsstadt keine ausgeprägte und kontinuierliche Theatertradition entwickelt hat. Vielmehr gab es nicht zuletzt starke religiöse Vorbehalte. Noch für das ausgehende 18. Jahrhundert berichtet etwa der Aufklärer Johann Jakob Fetzer, dass in theologischen Kreisen selbst ein unschuldiges Marionettentheater als „Schule des Teufels“ denunziert werden konnte.

Dennoch herrscht in Reutlingens Vergangenheit kein Mangel an „theatralischen“ Momenten: seien es religiöse Laienschauspiele im 17. Jahrhundert oder die teilweise monumentale Dramatisierung historischer Stoffe ab dem 19. Jahrhundert, seien es das begeisterte Theaterspiel etwa im Reutlinger Vereinsleben oder die zahlreichen seit der Mitte des vorletzten Jahrhunderts nachweisbaren Gastspiele „hauptberuflicher“ Wanderschauspieler.

In den 1920er Jahren etwa gab es regelmäßige, von der Stadt bezuschusste Auftritte der Württembergischen Volksbühne mit Sitz in Esslingen. Ein in der Ausstellung gezeigtes Gemeinderatsprotokoll von 1930 beinhaltet den Beschluss, Zusatzvorstellungen von „Nathan der Weise“ für die auslaufende Spielzeit zu übernehmen. Diese Kulturförderungsmaßnahme war dabei sehr pragmatisch motiviert: Die Mitglieder der Bühne sollten „nicht zu lange auf die Hilfe der produktiven Erwerbslosenfürsorge für Deutsche Bühnenangehörige angewiesen“ sein.

Bevor die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entsprechend ausgebaute „Bundeshalle“ auch für Theateraufführungen aller Art genutzt werden konnte, gab es mehrere Anläufe, provisorische Schauspielhäuser zu errichten. So verwahrt das Stadtarchiv den Bauantrag eines „Theaterdirectors“ namens Carl Urban vom November 1870, der in der damaligen Lederstraße das Projekt „eines heizbaren Theaters mit Dachplattenbedeckung“ realisieren wollte. Ein Jahrzehnt zuvor hatte das neu erbaute, aber noch nicht in Betrieb genommene Schlachthaus vor dem Tübinger Tor vorübergehend als Schaubühne Verwendung gefunden.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt auch das Gesuch eines ehemaligen Pfarrers aus Gomaringen aus der Zeit um 1600. Dieser Georg Gertner wollte die biblische „Comödia und Historia vom frommen und keuschen Joseph“ auf dem Marktplatz oder im Rathaus mit jungen Gesellen und Männern aufführen und wandte sich mit diesem Anliegen schriftlich an Bürgermeister und Rat der Reichsstadt. Die Unterstützungs-würdigkeit seines Anliegens war ihm unstrittig, denn – so schreibt er – „es haben ieder Zeit hochverstendige, vernünfftige Leut hoch und vil von Comoediis gehalten, und sie mit großem Costen und Fleiß befördert“.

Die kleine Archivalienschau mit dem Titel „Thalias Gehversuche unter der Achalm“ kann bis Ende des Jahres während der Rathaus-Öffnungszeiten vor den Diensträumen des Stadtarchivs besichtigt werden.

Eine Reutlinger Stadtbeschreibung von 1805 bedauert das Fehlen von „Comödien“, also von entsprechenden Theatergebäuden und -aufführungen.

Internet-Links zum Thema