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175 Jahre TSG Reutlingen - Ausstellung des Stadtarchivs


Der heutige Name „Turn- und Sportgesellschaft Reutlingen“ ist noch nicht sonderlich alt – er datiert aus dem Jahr 1950 anlässlich der Wiedergründung der Turnvereine nach dem Zweiten Weltkrieg.
Das darf allerdings nicht täuschen: Die Ursprungsvereine Turngemeinde und Turnerbund, die sich auf der damaligen Gründungsversammlung zur TSG zusammengeschlossen hatten, blickten schon stolz auf eine lange Tradition zurück, denn bereits im Jahr 1843 hatte sich gemäß einem im Stadtarchiv befindlichen Protokollband ein erster Turnverein in Reutlingen gebildet.

Die Grundidee, die dahinterstand, nämlich dass Turnen der „Leibesertüchtigung“ dienen solle, hat ihre Wurzeln in der Zeit der Aufklärung.
Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte der Reformpädagoge Johann Bernhardt Basedow „Leibesübungen“ als festen Bestandteil einer vernünftigen Jugenderziehung gefordert.
Am 1774 von Basedow gegründeten Philantropinum in Dessau, einer Reformschule, deren Lehrplan den Wechsel von Lehrstunden und Bewegungsstunden vorsah, setzte er seine damals fortschrittliche Pädagogik um. Die von Basedow inspirierten Pädagogen Salzmann und Gutsmuths entwickelten diese Ansätze dann weiter und wurden damit zu Wegbereitern der modernen schulischen Erziehung.

Waren die Leibesübungen bislang rein humanistische Forderungen gewesen, entwickelte sich das Turnen am Übergang zum 19. Jahrhundert unter dem Eindruck der napoleonischen Herrschaft durch „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn zu einer Volksbewegung. Jahn verknüpfte das Turnen, die Körperkräftigung und damit auch die Wehrhaftmachung mit den aufkommenden patriotischen Gedanken seiner Zeit.

1811 eröffnete Jahn den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin. Nach den „Befreiungskriegen“ entstanden überall nach diesem Vorbild neue Turnplätze, die zumeist von Schülern Jahns geleitet wurden.
Auch an den Universitäten wurde von den entstehenden Burschenschaften das Turnen aufgenommen.

Die Turngemeinde konnte im Jahr 1848 bereits 103 ordentliche und 39 außerordentliche Mitglieder vorweisen. Hier die Einweihung des Turnplatzes im Jahr 1912.Daneben fand das freie Turnen in bürgerlichen Vereinigungen immer größeren Zuspruch und Verbreitung.
In Süddeutschland stand man den neuen Ideen liberaler gegenüber als in Preußen, wo die politisch motivierten Turnaktivitäten zeitweise verboten waren.
König Wilhelm I. von Württemberg war dem Turnen wohlgesonnen und förderte es sogar.
In Stuttgart und Tübingen entstanden ab 1817 erste Turnplätze.
Zu den frühesten bürgerlichen Turnvereinigungen in Württemberg zählt neben der Stuttgarter (gegr. 1843) auch die Reutlinger Turngesellschaft.

Nach anfänglichen Unstimmigkeiten bei der Abfassung der Statuten spaltete sich diese erste Reutlinger Turnvereinigung im Winter 1846/47 dann zwar in einen „Turnverein“ und eine „Turngemeinde“, konnte aber direkt im Folgejahr diese Trennung wieder überwinden und führte ab diesem Zeitpunkt den Namen Turngemeinde.
Dokumentiert ist dieses in den im Stadtarchiv überlieferten Protokollbänden des Vereins, von denen zwei Exemplare in der Ausstellung zu sehen sind.

Gezeigt werden auch Dokumente zu den damals aufkommenden Turnfesten.
So wurde beispielsweise zur Feier des ersten Württembergischen Landesturnfestes 1845 in Reutlingen „die Summe von 50 Gulden und der Aufwand für 25 Kanonenschüsse, womit die fremden Turner zu begrüßen sind, aus der Stadtkasse verwilligt“.
Auch das im Juli 1861 veranstaltete Schwäbische Turnfest konnte die Turngemeinde in die Achalmstadt holen.

Turnmänner des Turnerbundes als Teilnehmer des Kreisturnfestes 1912 auf einer Atelieraufnahme mit Fahne.Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Turngemeinde dann zunehmend Konkurrenz.
So rief der Reutlinger Männergesangsverein im April 1886 eine eigene Turnmannschaft ins Leben, die unter dem Namen „Turnerbund“ firmierte.
Während die beiden bürgerlich geprägten Vereine Turngemeinde und Turnerbund sich in den nächsten Jahrzehnten eher sportlich als Gegenspieler sahen, war dagegen das Verhält- nis zum 1902 gegründeten Arbeiterturnverein aus politischer Meinungsverschiedenheit heraus deutlich konfliktgeladener.

Briefkopf des Turnerbundes zur Einladung für Turnstunden in der 1898 neu errichteten städtischen Turnhalle auf der Rennwiese.Die Übungsstunden der Turner hatten in der Anfangszeit zunächst im Freien stattgefunden.
Nach der Einweihung der neuen städtischen Turnhalle auf der Rennwiese im Jahr 1898 konnten die Turnvereine die Halle ebenfalls für ihre Zwecke nutzen. Ein Einladungsschreiben an die turninteressierten Herren der Stadt belegt dies.
Frauen waren dagegen erst nach der Jahrhundertwende zum Turnen zugelassen.

Das Jahnhaus der Turngemeinde im Jahr 1936 in der Ringelbachstraße 96 mit dem Abzeichen der Deutschen Turnerschaft an der Fassade.Die kleine Dokumentenschau wirft auch einen Blick auf die Einrichtung eigener Turnplätze an der Ringelbachstraße und die Einweihung des heute noch bestehenden Jahnhauses als Vereinsheim der damaligen Turngemeinde im Jahr 1928.
Schriftstücke zur Gründung der Fechtabteilung (1928) und einer Schwimmerriege (1929) runden die Ausstellung ab.

Überlegungen zu einer Vereinigung der beiden bürgerlichen Turnvereine gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, doch sollte es zunächst nicht zu einer „Hochzeit“ kommen.
Die Gedankenspiele verliefen im Sande, erst aufgrund der Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Thema wieder diskutiert.


Nach Aufhebung des Vereinsverbots im Herbst 1945 fanden sich am 24. Januar 1950 dann 22 ehemalige Turner von Turngemeinde und Turnerbund im damaligen Volksbildungshaus (heute Spitalhof) zu einer Gründungsversammlung für einen gemeinsamen Verein zusammen.
Die neugeschaffene Turn- und Sportgesellschaft (TSG Reutlingen) wurde damit Rechtsnachfolgerin von Turngemeinde und Turnerbund.

Die Präsentation des Stadtarchivs zum Thema 175 Jahre TSG in zwei Wandvitrinen vor den Diensträumen im Rathaus-Erdgeschoss ist noch bis Ende Oktober 2018 zu den Öffnungszeiten der Rathaus-Eingangshalle zu besichtigen.
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