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„Befehle“ an Reutlingen „im Namen des Königs“


Sie beinhalten Erlasse übergeordneter Behörden für die Reutlinger Stadtverwaltung aus den Jahren 1803 bis 1864.
Eine dieser staatlichen Stellen hat vor 200 Jahren in der Achalmstadt ihre Arbeit aufgenommen: Die „Regierung des Schwarzwaldkreises“.

Rund zehn Jahre nach Gründung des Königreichs Württemberg 1806 wurde dieses in vier „Kreise“ eingeteilt: den Neckar-, den Jagst-, den Donau- und – im Südwesten des Landes – den Schwarzwaldkreis. Deren Verwaltungsbehörden trugen die Bezeichnung „Regierungen“.
Die vormalige Reichsstadt Reutlingen durfte sich ab 1817 glücklich schätzen, „Canzley“-Sitz einer solchen Kreisregierung zu werden.

Die Verwaltungsneugliederung des Landes war ein Teil der Reformen des jungen Königs Wilhelm I. Er ließ den absolutistischen Führungsstil seines Vaters, König Friedrichs I., hinter sich und etablierte einen wesentlich moderneren Verfassungsstaat.
Nicht zuletzt unter der Mitwirkung Friedrich Lists beinhaltete dieser auch ausgeprägte Elemente der kommunalen Selbstverwaltung.

Was nicht heißt, dass die rigoros-hierarchischen Strukturen der Vergangenheit damit gänzlich aufgehoben gewesen wären.
Der 1818 zunächst verwendete „Regierungs“-Briefkopf beinhaltete noch die absolutistische Formel „Im Namen des Königs“, mit der die Erlasse („Befehle“) an die Stadtverwaltung ergingen.Beleg hierfür ist nicht zuletzt der Titel jener vier Amtsbücher, in welche ein Teil der eingehenden „Befehle“ abgeschrieben wurde.
Bezeichnend ist, dass auch die Verordnungen jener Kreisregierung nach 1818 zunächst mit einem Briefformular bei der Stadt eingingen, über das ein gebieterisches „Im Namen des Königs“ gedruckt war.


Der ab den 1820er-Jahren verwendete Briefkopf der Kreisregierung.Tatsächlich hat man staatlicherseits auf dieses Gebaren bald verzichtet.
Spätestens ab 1821 prangte über den von dieser Behörde versandten Schreiben nur noch der Schriftzug „Die Königliche Württembergische Regierung des Schwarz-Wald-Kreises“.

Vor 200 Jahren bezog die damals neugebildete „Regierung des Schwarzwaldkreises“ eine Gebäudeanlage des 16. Jahrhunderts. Heute ist hier das Friedrich-List-Gymnasium untergebracht.Deren Amtssitz in Reutlingen war eine dreiflügelige Gebäudeanlage aus den 1540er-Jahren. Die daran vorbeiführende Straße hatte deswegen 1817 den Namen Kanzleistraße erhalten.
Heute ist hier das Friedrich-List-Gymnasium untergebracht.

Die Kreisregierung hatte 1905 einen stattlichen Neubau in der Bismarckstraße bezogen, in dem heute wiederum das Landratsamt residiert.




Die Kreisregierung selbst – in etwa vergleichbar einem heutigen Regierungspräsidium des Bundeslandes Baden-Württemberg – war 1924 im Zuge einer der regelmäßig wiederkehrenden großen Verwaltungsreformen des Landes aufgehoben worden.

Mit einer kleinen Wandvitrinenausstellung erinnert das Stadtarchiv an die Einrichtung der „Regierung des Schwarzwaldkreises“ an der Echaz vor 200 Jahren.
Sie hatte Reutlingen – so ein etwas unbeholfen formulierender Weingärtner jener Zeit – „40 der allervornemsten Landes-Regenten“ beschert.
Gemeint waren damit die Mitarbeiter der jungen Behörde: ein „Direktor“ sowie „Räthe“, „Assessoren“, „Expeditoren“ und „Kanzlisten“.

Dass es nicht einfach war, für diese Staatsbediensteten adäquaten Wohnraum in der Stadt zu finden, zeigt ein ausgestellter Untersuchungsbericht von 1819.
Dessen Verfasser war damit beauftragt worden, den Klagen nachzugehen, „welche von den bei der Regierung allhier angestellten Personen sowohl wegen Mangels an Raum oder unanständiger Einrichtung, als wegen zu hohen Miethzinnses vorgebracht worden“ waren.
Gedroht wurde in diesem Zusammenhang mit einer Verlegung der Behörde in eine andere Stadt.

Dass zumindest der Chef der neuen Behörde trotz aus heutiger Sicht prätentiös wirkender Titulatur ein solider Beamter gewesen sein dürfte, legt der Eintrag in einem der ausgestellten Befehlbücher nahe. Reichsfreiherr Franz Josef Ignaz von Linden hat 1818 an die Stadt folgende Maßgabe erteilt: „Bei dem auf Kosten des Bürgermeisteramts vorzunehmenden Bauwesen zu Einrichtung der Canzleyen und der Wohnung für den Regierungs Präsidenten ist jeder unnöthige Aufwand zu vermeiden.“

Die kleine Archivalienschau in der Eingangshalle des Rathauses kann zu deren Öffnungszeiten bis Ende Oktober besichtigt werden.

Parallel zur Ausstellung ist auch das Findbuch zum Archivbestand der „Befehlbücher“ für 1802 bis 1864 online gestellt worden. Es beinhaltet kurze Titelaufnahmen zu den Erlassen, die vom Reutlinger „Bürgermeisteramt“ bzw. „Stadtschultheißenamt“ umzusetzen waren.
Das Findbuch kann künftig unter www.stadtarchiv-reutlingen.findbuch.net (Bestandsgruppe „D Städtische Ämter“ / StSchult Ia: Befehlbücher) abgerufen werden.

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